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     Der Anti-Kanon – literarische Meisterwerke aus der untersten Schublade

»Ein fetter Brocken« (L. A. Morse, 1987)
Quelle: Ullstein (1987)

Ich wuchs in einem Bildungsbürgerhaushalt auf. Mein Vater war Studiendirektor und hatte nicht nur die erforderlichen zwei, sondern gleich vier Fächer studiert (Deutsch, Latein, Griechisch, Russisch). Zudem hatte er in Philosophie mit Bestnote promoviert und lernte zur Entspannung Finnisch, Türkisch und Chinesisch. Seine größte Schwäche war seine Büchersucht. Unser Haus war ein Paradies für jeden Literaturliebhaber ...

     Der Anti-Kanon – literarische Meisterwerke aus der untersten Schublade

»Rolf wird Leichtathlet« (Schneider, 1963)
Quelle: Schneider (1963)

Meine kurze Karriere als Fußballer endete an einem Regentag im Jahre 1966. Anstatt mit meinen Freunden zum Training beim SC Falke Saerbeck zu gehen, blieb ich lieber zuhause und steckte meine Nase in ein dickes Buch, das ich zur Erstkommunion bekommen hatte: Winnetou 1. Um die fünfzig weitere Karl-May-Bände sollten in den kommenden Jahren folgen, außerdem »Die schönsten Sagen des klassischen Altertums«, »Lederstrumpf«, »Moby Dick« und »Robinson Crusoe« – natürlich in für die Jugend bearbeiteten Ausgaben. Gelegentlich kamen auch Schneider-Bücher ins Haus ...

     Der Anti-Kanon – literarische Meisterwerke aus der untersten Schublade

New Hope For The Dead (Futura, 1987)
Quelle: Futura (1987)

Charles Willeford taucht recht selten auf, wenn der Kanon der Pulp- Fiction gesungen wird. Das liegt daran, dass Willeford ein Spätblüher war. Obwohl der 1919 in Little Rock, Arkansas geborene Amerikaner schon seit den späten 50ern Literaturkritiken und Noir-Romane schrieb, kam er erst vier Jahre vor seinem Tod, 1988, mit dem ersten Hoke-Moseley-Roman »Miami Blues« in seine literarische Blüte ...

     Der Anti-Kanon – literarische Meisterwerke aus der untersten Schublade

Die Räuberbande (Aufbau-Verlag, 1964)
Quelle: Aufbau-Verlag (1964)

Mein unterstes Schubladenlektüreerlebnis war irgendeine Nachkriegsliteratur, in der DDR erschienen, ich glaube, Leonhard Frank war das: »Die Räuberbande«. Auf dem Buchumschlag eine Zeichnung von einem Jungen und noch ein wenig was drum herum. Landschaft. Haus, Baum, egal.

Ich mochte die Beschreibung einer Nutte sehr, die ihren Umhang fallen lässt und überall rote Haare hat. Ich hatte dann auch sofort eine rothaarige Freundin, Ingrid mit Namen ...

     Der Anti-Kanon – literarische Meisterwerke aus der untersten Schublade

Cover Scottys Tanz mit dem Tod (Bastei, 2003)
Quelle: Bastei (2003)

»Ein einziges Mal drückte Scotty ab. Das Echo seiner Kugel pfiff zwischen Saloon und Hotel hin und her. Erst fiel eine Flinte aus dem Planwagen, dann beulte sich die Plane aus …«

Fünf Seiten darauf beult sich Scottys Hose aus. Verantwortlich hierfür ist die dralle Jane. »Der Stoff spannte sich über große Brüste, und das Blut schoss Scotty augenblicklich in die Lenden.«

So schnell geht's. Beizeiten ein eingeschobener Geschlechtsakt – das gehört in Scotty Walkers Alltag wie Bohnen und Speck oder wie die Furcht, bei Sonnenuntergang am Galgen zu baumeln ...