»Das Plagiat« (Rex Stout, 1986)

     Der Anti-Kanon – literarische Meisterwerke aus der untersten Schublade

Cover Rex Stout, »Das Plagiat« (1986)
Goldmann (1986)

Rex Stout (1886 – 1975) war ein US-amerikanischer Schriftsteller, der den Privatdetektiv Nero Wolfe erfand: fett und reich, besessener Orchideenzüchter, mit Koch und Butler und Assistent in New York lebend. Aus der Perspektive des Letzteren werden die Fälle erzählt. Archie Goodwin ist für das Profane zuständig, Nero Wolfe das unnahbare Genie, schrullig, launisch, gebildet.

Zu Beginn des Romans schildert uns Archie Goodwin, der sich selbst als »kein Freund vom Lesen« bezeichnet, die Kategorien, in die Nero Wolfe seine Lektüre einteilt und woran man diese erkennt:

Die Bücher, mit denen Nero Wolfe sich beschäftigt, teile ich in die Gruppen A,B,C und D ein. Wenn er nachmittags Punkt sechs Uhr im Büro aufkreuzt und seine derzeitige Lektüre aufschlägt, bevor er nach Bier läutet, und wenn er als Lesezeichen ein zehn Zentimeter langes und zwei Zentimeter breites Goldband benutzt, das ihm ein dankbarer Klient vor Jahren geschenkt hat, dann handelt es sich um ein Buch der Kategorie A. Hat er zur Markierung nur einen gewöhnlichen Papierstreifen hineingelegt, dann gehört der Lesestoff zur Gruppe B. Klingelt er nach Bier, bevor er das Buch aufschlägt, und hat er die Seite, bei der er vorher aufgehört hatte, nur mit einem Eselsohr gekennzeichnet, dann gehört dieser Schmöker zur Gruppe C. Wartet er gar, bis Fritz (der Koch, Anm. d. Verf.) das Bier gebracht hat, gießt er sich erst in aller Gemütsruhe ein Glas voll ein, bevor er das Buch aufschlägt, und hat er die Seite wiederum nur mit einem Eselsohr markiert, dann gehört es zur Gruppe D.

Nero Wolfe ist schon deshalb souverän, weil er vermögend ist und sich seine Lese-, Ess- und Orchideenexzentrik leisten kann; woher sein Vermögen stammt, wird nicht klar. Aber man weiß, dass er wirtschaftlich nicht auf seine Arbeit als Privatdetektiv angewiesen ist. Er ist ein Luxusdetektiv. Eigentlich nicht mein Ding, ich mochte die Marlowes der Krimiwelt immer lieber. Aber natürlich habe ich Chandler erst später gelesen. Rex Stout kam irgendwann nach Detektiv Kim und den »Fünf Freunden« und Jerry Cotton, und in dem Alter fand ich das schon ziemlich intellektuell. Das Plagiat. So'n Wort erst mal kennen. Und ich weiß noch, wie ich staunte, was denn Schriftsteller so verdienen. Meine Kindheitsberufsträume Astronom und Tierforscher waren gerade verblasst, und Schriftsteller klang rein finanziell in „Das Plagiat“ schon mal nicht uninteressant. Von zehntausenden Dollar für ein Manuskript war da die Rede. Von jemandem, der andere Schriftsteller auf ähnlich hohe Summen verklagt, weil sie seine Geschichten geklaut haben.

Wie Nero Wolfe dann herausfindet, wer wem was geistig geraubt hat, fand ich am interessantesten (spannend war es nicht) – er nimmt die verschiedenen Manuskripte, liest sie und vergleicht stilistische Feinheiten. Anhand von Wortwiederholungen in den Texten kann er sie zuordnen und findet heraus, wer der Schummler und Erpresser sein könnte und wer nicht. Ich lernte etwas über Stil und Charakter eines Textes und wie beides mit Stil und Charakter des jeweiligen Autors zusammenhängt. Es kommen Wörter wie Syntax und Diktion vor. Gymnasiasten-Krimi!

Im Kreis der Beteiligten geht dann das Morden los, sonst wäre es für den Leser wohl doch zu fad geworden – immerhin lässt Rex Stout sich Zeit bis zur Seite 77 (von 185). Ein Schriftsteller nach dem anderen wird umgebracht und von Neros Assistenten Archie Goodwin gefunden, der prompt Ärger mit dem bärbeißigen Sergeant Purley Stebbins und dessen Vorgesetzten Inspektor Cramer vom Morddezernat West bekommt und nur mit Mühe verhindern kann, dass der Verdacht auf ihn fällt.

Die Sache spitzt sich zu. Man sitzt immer wieder in aufgeregter werdenden Gesprächsrunden zusammen (Schriftsteller und Verleger mit Wolfe und Goodwin) und diskutiert. Vermeintliche Originalmanuskripte tauchen bei den des Plagiats Beschuldigten auf oder gleich im Verlag, ins Archiv geschummelt, um die Schadensersatzklage zu rechtfertigen. Es riecht nach Papier und Schreibmaschine und Zigarettenqualm – bei allen Besprechungen wird todesverachtend viel gequalmt. Nero Wolfe trinkt sein Bier. Legt dann aber ein Gelübde ab, kein Bier mehr zu trinken, bis der Fall gelöst ist, denn es geht um die Ehre.

Im amerikanischen Original, 1959 erschienen, lautet der Titel: »Plot it yourself«. Machte beim Wiederlesen nach Jahrzehnten nostalgischen Spaß. Wie jung man mal gewesen ist. Dialoge und Archie-Gedanken gelegentlich im Bud-Spencer-und-Terence-Hill-Ton, allerdings verzwickter Tüftelplot, man muss schon aufpassen, wenn man durchsteigen will.

Bereue keine Sekunde, Rex Stout mit auf dem Weg gehabt zu haben.

Chris Trautmann

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