»Ein fetter Brocken« (L. A. Morse, 1987)

     Der Anti-Kanon – literarische Meisterwerke aus der untersten Schublade

Cover L. A. Morse, »Ein fetter Brocken« (1987)
Ullstein (1987)

Ich wuchs in einem Bildungsbürgerhaushalt auf. Mein Vater war Studiendirektor und hatte nicht nur die erforderlichen zwei, sondern gleich vier Fächer studiert (Deutsch, Latein, Griechisch, Russisch). Zudem hatte er in Philosophie mit Bestnote promoviert und lernte zur Entspannung Finnisch, Türkisch und Chinesisch. Seine größte Schwäche war seine Büchersucht. Unser Haus war ein Paradies für jeden Literaturliebhaber: E.T.A. Hoffmann, Jean Paul oder die großen Russen. Ich wuchs mit den Klassikern wie mit verstorbenen Onkeln auf.

Mein Leben veränderte allerdings ein Autor, den mein Vater nicht kannte und bestimmt überhaupt nicht geschätzt hätte. Mit 16 Jahren entdeckte ich auf dem Grabbeltisch bei Karstadt in meiner miefigen, westfälischen Heimatstadt ein gelbes Buch aus Ullsteins gelber Krimireihe, das mich magisch anzog. Für 2,50 Mark wanderte dieses Buch in meine Schultasche. Mein Vater las auch gerne Krimis: Agatha Christie, Simenon, sogar Edgar Wallace, den selbst ich als schlechten Schriftsteller einordnete. L. A. Morse war ein anderes Kaliber. Sein Protagonist Sam Hunter prügelte sich im coolen Los Angeles durch seinen Fall und schlief alle vier Seiten mit einer anderen Frau. Was für ein Leben! Für den schüchternen Brillenträger vom spießigen Dorf eine weit entfernte Welt.

Ich war angefixt, verschlang Chandler, Estleman und Parker. Nach dem Abitur sah ich mich in New York, Boston oder San Franzisco Gangster jagen und als strahlender Held die Damenwelt beglücken. Nun, immerhin wurde es die Schimanski-Stadt Duisburg, die sich als weniger spannend herausstellte, als ich mir erträumt hatte. Verbrechen gab es dort auch: Immerhin wurde das Fenster meines Kleinwagens vier Mal eingeschlagen und 100 Meter von meinem Haus wurden bei einem netten Italiener sechs Menschen von der Mafia umgebracht. Leider hatte ich nichts davon mitbekommen und wurde auch nicht in die Ermittlungen einbezogen. Die Detektivkarriere wollte einfach nicht richtig starten.

Also schrieb ich lieber selbst Krimis und wollte wie L. A. Morse auch bei Ullstein veröffentlicht werden. Dies gelang mir auch durch seltsame Fügungen des Schicksals. Für die Initiation bin ich noch heute Mr. Morse dankbar. Vor einigen Jahren las ich Ein fetter Brocken erneut. Leider besaß der Roman für einen Enddreißiger längst nicht den Charme, den der Teen in ihm entdeckte. Aber oft sind es nicht die guten, sondern die »speziellen« Bücher, die unser Leben nachhaltig verändern. Ich wünsche mir mindestens alle zwei Jahre ein Buch mit dieser Wirkung auf mein Leben.

Michael Bresser

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