»Kokain« (Pitigrilli, 1921)

     Der Anti-Kanon – literarische Meisterwerke aus der untersten Schublade

Cover Pitigrilli, »Kokain« (1921)
Matthes & Seitz (1979)

Alle Frauen sind Huren, nur nicht deine Mutter und deine derzeitige Freundin. Als ich diesen hier aus dem Gedächtnis zitierten Satz 1979 las – bei Pitigrilli, dem mir damals noch völlig unbekannten italienischen Autor, den Matthes & Seitz gerade mit zwei Publikationen gewürdigt hatte – konnte man nicht ahnen, dass ein algerischer Journalist namens Kamel Daoud fast vierzig Jahre später (am 18. Februar 2016) in der Süddeutschen Zeitung darauf Bezug nehmen würde, als er über jene Spielart des Islamismus schrieb, die er »pornographisch« nennt: »Ich will eine Frau kennenlernen, aber ich will nicht, dass meine Schwester die Liebe mit einem Mann kennenlernt.«

Dino Segre, wie Pitigrilli mit bürgerlichem Namen hieß, wusste um die unausrottbare Bigotterie der menschlichen Gemeinschaft – immerhin war er bei Dominikanern zur Schule gegangen, hatte in Rechtswissenschaften promoviert und als Zeitungskorrespondent in Paris gearbeitet. Am 9. Mai 1893 in Turin geboren, wurde er lange als tändelnder Salonlöwe verkannt und seine Bücher dem lächerlichen Verdacht des Schunds unterworfen. Dabei war er ein Meister des Paradoxons, dessen Prosa der abendländischen Logik hinreißende Schnippchen schlägt – oder diese in ihre eigenen Untiefen führt. Wie so oft, war die Obrigkeit dumm genug, Pitigrilli für seine Schriften sogar in Haft zu setzen. Dabei gehören Kokain (1921), der schnell zu einem Bestseller wurde, und Ein Mensch jagt nach Liebe (1929) zu den Juwelen der europäischen Literatur und Weisheit. Bis 1988 stand Kokain in Deutschland auf dem Index, man fasse sich an die Stirn – vor der Dummheit des Staates gibt es keinen Ausweg. Die Griechen nannten das Aporie.

Auf welche Weise Tito der Geliebte der Armenierin geworden ist, kann der Leser in ausführlichster Schilderung in jedem beliebigen anderen Roman nachlesen; ich empfehle insbesondere solche, die der Reihe nach alle Phasen der Verliebtheit projizieren und die mit tadelloser Keuschheit genau in den Augenblick enden, in dem er und sie, nachdem dreihundert Seiten mit nichts sagenden Mätzchen sterilisiert wurden, sich den ersten würdevollen Kuss geben. (aus: Kokain)

Kokain ist die Geschichte einer Liebe – der lasziven Liebe zwischen einem Edelganoven und einer Kokotte. Ähnlich dem unvergessenen Tom Kummer, der der SZ gefälschte Interviews andrehte, lebt der Journalist Tito Arnaudi in Paris davon, dass er in der Presse frei erfundene Falschmeldungen lanciert. Von seinem Erfolg finanziert er seine Kokainsucht – und seine Liebe zu Maud, die inzwischen in Paris als Kokotte arbeitet und die er in der italienischen Provinz als Maddalena kennengelernt hat, ein ehedem unschuldiges Mädchen, das bei seinen Eltern unter strenger Zucht aufwuchs. Ein großartiger Roman über das sterbende Europa vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs!

Wie so viele andere Dandys, Zyniker, Bohèmiens und Philosophen bekannte sich Pitigrilli, der als Jude vor den Nazis fliehen musste und 1948 nach Argentinien auswanderte, am Ende seines Lebens zum Katholizismus, dem katholischen Gefühl, wie es der italienische Philosoph Mario Perniola ausdrückt – dem einzigen intelligenten Gefühl. Am 8. Mai 1975 starb Pitigrilli in seiner Geburtsstadt Turin. Kurz zuvor hatte er sich noch von seinen Büchern distanziert, aus dem einfachen Grund, weil sie so oft abgeschrieben worden seien, dass, wenn man sie wieder auflegte, es aussähe, als hätte ich von den Abschreibern abgeschrieben.

Thomas Palzer

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