»Rolf wird Leichtathlet« (G. Lobin, 1963)

     Der Anti-Kanon – literarische Meisterwerke aus der untersten Schublade

Cover Rolf wird Leichtathlet, Schneider (1963)
Schneider (1963)

Meine kurze Karriere als Fußballer endete an einem Regentag im Jahre 1966. Anstatt mit meinen Freunden zum Training beim SC Falke Saerbeck zu gehen, blieb ich lieber zuhause und steckte meine Nase in ein dickes Buch, das ich zur Erstkommunion bekommen hatte: Winnetou 1. Um die fünfzig weitere Karl-May-Bände sollten in den kommenden Jahren folgen, außerdem »Die schönsten Sagen des klassischen Altertums«, »Lederstrumpf«, »Moby Dick« und »Robinson Crusoe« – natürlich in für die Jugend bearbeiteten Ausgaben. Gelegentlich kamen auch Schneider-Bücher ins Haus: Die preiswerten kartonierten Bändchen waren ein beliebtes Mitbringsel, wenn Verwandte sich zum sonntäglichen Besuch einfanden. Wer genau mir bei einer dieser Gelegenheiten »Rolf wird Leichtathlet« geschenkt hat, weiß ich nicht mehr, aber angesichts der eben geschilderten Umstände, erscheint die Wahl dieses nicht einmal sechzig Seiten starken Bildungsromans sehr treffend. Im Mittelpunkt nämlich steht Rolf Hartling, ein Gymnasiast um die 15, der wider Erwarten den Sportsgeist in sich entdeckt. Nach einem schweren Unfall beginnt er unter Anleitung seines kugelstoßenden Freundes Norbert ein Reha-Training, das den bücherversessenen Stubenhocker in einen begeisterten Leichtathleten verwandelt.

Verfasst hat das 1963 (also einige Jahre vor meiner Lektüre) erschienene Büchlein der Journalist Gerd Lobin (1925 – 2008), dem schon fünf Jahre zuvor mit dem Schneider-Buch »Die Klassen-Elf will Meister werden« ein Klassiker der Sportliteratur gelungen war. »Rolf wird Leichtathlet«, in frisch-sympathischem Präsens erzählt, ist ein Roman, der wie all der kindgerecht Trash aus dem Franz Schneider Verlag, zu dessen Autorenstamm immerhin Größen wie Enid Blyton, Rolf Ulrici und Marie Louise Fischer zählten, mit einem hohem Identifikationspotenzial aufwartet. Schließlich ist der Weg des Helden zum Erfolg kein leichter. An einem Punkt steht sogar die Freundschaft mit Norbert, der plötzlich ganz andere Interessen (Mädchen, Tanzschule) entwickelt, auf dem Spiel. Doch am Ende ist alles gut. Ein wichtiger Wettkampf wird solidarisch gewonnen, gemeinsam steht man auf dem Siegertreppchen und bei der anschließenden Party (mit Mädchen) fließt der Apfelsaft in Strömen.

Ein verlockendes Bild, das eigentlich Ansporn hätte sein müssen, Rolfs Beispiel zu folgen. Doch um die Macht der Literatur, auch wenn sie dem populären Segment entstammt, ist es seltsam bestellt. Der kindliche Leser, der ich war, fand sich mitnichten bei nächster Gelegenheit auf dem Sportplatz ein, sondern griff stattdessen immer wieder zu dem schönen Buch. Vielleicht um sich daran zu erinnern, dass alles auch ganz anders hätte kommen können.

PS: Das Buch besitze ich immer noch, inzwischen sogar vom Autor, den ich vor vielen Jahren im Rahmen des von ihm betreuten FAZ-Projekts »Jugend schreibt« kennenlernen durfte, signiert.

Joachim Feldmann

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