»Untot« (John Russo, 1978)

     Der Anti-Kanon – literarische Meisterwerke aus der untersten Schublade

Cover John Russo, »Untot« (1994)
Goldmann (1994)

Zweite Teile sind meistens Mist, schlaffe Nachklapps, die ihre Existenz lediglich dem Erfolg des Vorgängers verdanken.

Die Fortsetzung von »Die Nacht der lebenden Toten«, mit dem das bis heute anhaltende Zombie-Getorkel auf allen Kanälen begann, überrascht hingegen leidlich positiv. Die Rückkehr der modernen Ur-Zombies hätte man sich eigentlich sogar noch übler vorgestellt.

Aber der Reihe nach: Im Jahr 1968 (das kann kein Zufall sein!) schrieben George A. Romero und John Russo gemeinsam das Drehbuch zu »Die Nacht der lebenden Toten« (»Night of the Living Dead«). In der Anthologie »Rise of the Dead: An Earth-Shattering Anthology of Zombie Terror« (2014) hat Horror-Legende John Russo kürzlich die Ideenfindung zu diesem Film-Klassiker rekapituliert. Demnach geschah alles irgendwie zufällig und unüberlegt in genialisch-dilettantischer Arbeitsteilung. Ob Legende oder nicht: Die guten Dinge entstehen offenbar ohne jede Anstrengung bzw. liegen lässig wie Kühe auf der Wiese (Nietzsche). Der Film, der dabei rauskam, ist jedenfalls aus vielerlei Gründen denkwürdig. Das kann man ja alles woanders nachlesen: der erste schwarze Hauptdarsteller usw. Das gute Stück gehört zweifellos zum kulturellen Gedächtnis der Menschheit (für die einen in die Schundschublade gestopft, für die anderen egal wohin, Hauptsache, man findet es rasch wieder).

Wie jeder Mythos (siehe Claude Lévi-Strauss) besitzt auch die Geschichte der »Nacht der lebenden Toten« eine unbezwingbare Urkraft. Anders gesagt: Wie sie technisch im Detail erzählt wird, ist offenbar kaum wichtig. Ihre düstere Grundmelodie ist von so schlichter Güte, von derart brutaler Einfachheit und negativer Überzeugungskraft – handwerkliche Mängel in der Durchführung, die zahlenmäßig unterhalb einer gewissen Grenze bleiben, können daran nichts ändern.

Und so simpel hört sich das Gute an: Menschen fliehen vor Zombies in das nächstgelegene Haus und verbarrikadieren sich. Dann wird es dunkel … Wie sich die Eingeschlossenen gegen die auferstandenen Toten zur Wehr setzen, ihre Flucht planen, sich untereinander zerstreiten und am Ende, bis auf eine Frau, alle umkommen – das hat im Romero-Klassiker von 1968 (wie auch in der sehenswerten Neuverfilmung von 1990 durch Tom Savini) eine elementare Wucht, die bis heute zu immer neuen Zombie-Geschichten inspiriert (siehe »Walking Dead«, eine Art Schwarzwaldklinik-Variante des Zombie-Mythos).

In »Untot« (»Return of the Living Dead«, 1978) lässt John Russo seine widerlich verunstalteten Lieblinge exakt 10 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen neuerlich auferstehen und nach Menschenfleisch gieren. Erzähltechnisch kaum stringenter als im kanonischen Vorgänger (erzählperspektivische Brüche, die wohl dem Film-Blick geschuldet sind, und Setzkastenprosa ohne Ende), entfaltet der Autor die neue Zombie-Apokalypse, die wieder einige Menschen dazu zwingt, sich zu verbarrikadieren und in klaustrophobischer Stimmung durchzudrehen und noch allerlei Dinge mehr zu tun. Alles beginnt mit einem Busunfall … Aber lassen wir das. Ist ganz egal, wie das beginnt und weitergeht … (Im Übrigen entstand aus dieser durchaus ernst gemeinten Roman-Vorlage, die freilich beim Drehbuch komplett ignoriert wurde, 1985 die kultige Zombie-Film-Komödie »Return of the Living Dead« bzw. »Verdammt, die Zombies kommen«.)

Wie so häufig im Leben muss man sich auch hier an Kleinigkeiten erfreuen können. Dann hat man was davon. Wie nämlich einer der ersten Zombies in dieser aufregend miserablen, total trashig vorgetragenen Anti-Story vom Leichentisch aufersteht, das zum Beispiel ist poetisch halbwegs erhaben beschrieben: »Schlaksig, fast wie eine Frau, die verschlafen aus dem Bett steigt, schob sie sich von dem Tisch, setzte ihre nackten Füße auf den Boden und ging mit schleppenden Schritten auf O’Neil zu.«

Gruselig, gell?

Martin Brinkmann

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