Der Anti-Kanon – literarische Meisterwerke aus der untersten Schublade

     Der Anti-Kanon – literarische Meisterwerke aus der untersten Schublade

»Frauenkaserne« (Tereska Torrès, 1950)
Quelle: rororo (1986)

In den Regalen meiner Eltern befanden sich zwischen antiken Zoologie-Büchern, Goethe-Gesamtausgaben und Psycho-Ratgebern immer wieder auch jene besonders interessant aussehenden zerfledderten Taschenbücher mit reißerischen Titeln wie »The Happy Hooker«, oder eben auch Tereska Torrès‘»Frauenkaserne«. (Gibt es einen Fetisch für den säuerlichen Geruch vergilbter Buchseiten? Wenn nein, dann habe ich ihn wohl erfunden.) Der Inhalt von Xaviera Hollanders »The Happy Hooker« blieb mir auf dem damaligen Stand meiner Englischkenntnisse noch weitgehend im Dunkeln (was jedoch den Reiz keineswegs minderte und durchaus genug Raum ließ für fantasievolle Eigeninterpretationen). »Frauenkaserne« hingegen fand ich in einer deutschen Übersetzung von 1960 ...

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»Kokain« (Pitigrilli, 1921)
Quelle: Matthes & Seitz (1979)

Alle Frauen sind Huren, nur nicht deine Mutter und deine derzeitige Freundin. Als ich diesen hier aus dem Gedächtnis zitierten Satz 1979 las – bei Pitigrilli, dem mir damals noch völlig unbekannten italienischen Autor, den Matthes & Seitz gerade mit zwei Publikationen gewürdigt hatte – konnte man nicht ahnen, dass ein algerischer Journalist namens Kamel Daoud fast vierzig Jahre später (am 18. Februar 2016) in der Süddeutschen Zeitung darauf Bezug nehmen würde, als er über jene Spielart des Islamismus schrieb, die er »pornographisch« nennt: »Ich will eine Frau kennenlernen, aber ich will nicht, dass meine Schwester die Liebe mit einem Mann kennenlernt. «

Dino Segre, wie Pitigrilli mit bürgerlichem Namen hieß, wusste um die unausrottbare Bigotterie der menschlichen Gemeinschaft – immerhin war er bei Dominikanern zur Schule gegangen ...

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»Der Wehrwolf« (Hermann Löns, 1910)
Quelle: Heyne (1976)

Hermann Löns' »Der Wehrwolf« liegt bei mir nicht in der untersten Schublade, sondern auf dem obersten Regalbrett im Wohnzimmer, wo niemand ohne Leiter drankommt. Da fristet das Buch ein weitgehend unbeachtetes Schattendasein. Zu den wenigen Freunden zählen Walter Flex' »Wanderer zwischen beiden Welten« und Ernst Jüngers »In Stahlgewittern«.

»Der Wehrwolf« ist also ein schwieriges Buch ...

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»Untot« (John Russo, 1978)
Quelle: Goldmann (1994)

Zweite Teile sind meistens Mist, schlaffe Nachklapps, die ihre Existenz lediglich dem Erfolg des Vorgängers verdanken.

Die Fortsetzung von »Die Nacht der lebenden Toten«, mit dem das bis heute anhaltende Zombie-Getorkel auf allen Kanälen begann, überrascht hingegen leidlich positiv. Die Rückkehr der modernen Ur-Zombies hätte man sich eigentlich sogar noch übler vorgestellt …

     Neuigkeiten aus der Redaktion, Der Anti-Kanon – literarische Meisterwerke aus der untersten Schublade

Liebe KRACHKULTUR-Sympathisantinnen und -Sympathisanten,

bald ist es wieder soweit: Eine neue KRACHKULTUR erscheint. Schwerpunktthema diesmal ist die PHANTASTIK. 

Wohl niemals zuvor war die Dichte an hochkarätigen Autoren, die Beiträge zur KRACHKULTUR beigesteuert haben, derart hoch (und teuer): Harlan Ellison, James Sallis, Zadie Smith, Dietmar Dath, Leif Randt u.v.a.m.

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»Das Plagiat« (Rex Stout, 1986)
Quelle: Goldmann (1986)

Rex Stout (1886 – 1975) war ein US-amerikanischer Schriftsteller, der den Privatdetektiv Nero Wolfe erfand: fett und reich, besessener Orchideenzüchter, mit Koch und Butler und Assistent in New York lebend. Aus der Perspektive des Letzteren werden die Fälle erzählt. Archie Goodwin ist für das Profane zuständig, Nero Wolfe das unnahbare Genie, schrullig, launisch, gebildet ...

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»Die Rache des Skorpions« (Jerry Cotton, 1995)
Quelle: Bastei (1995)

Wir haben hier einen Roman aus dem Innenleben des amerikanischen Bureau Of Federal Investigation, kurz FBI. Schauplatz New York, genauer gesagt dieser gefährliche Asphaltdschungel, der Bronx genannt wird.

Jugendbanden springen von Brücken auf fahrende Güterzüge und rauben sie aus. Eisenbahnbeamte tun Schmierseife auf einen Güterzug und töten dadurch einen der Jungen. Daraufhin sprengt seine Gang eine Eisenbahnerkantine in die Luft ...

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»Ein fetter Brocken« (L. A. Morse, 1987)
Quelle: Ullstein (1987)

Ich wuchs in einem Bildungsbürgerhaushalt auf. Mein Vater war Studiendirektor und hatte nicht nur die erforderlichen zwei, sondern gleich vier Fächer studiert (Deutsch, Latein, Griechisch, Russisch). Zudem hatte er in Philosophie mit Bestnote promoviert und lernte zur Entspannung Finnisch, Türkisch und Chinesisch. Seine größte Schwäche war seine Büchersucht. Unser Haus war ein Paradies für jeden Literaturliebhaber ...

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»Rolf wird Leichtathlet« (Schneider, 1963)
Quelle: Schneider (1963)

Meine kurze Karriere als Fußballer endete an einem Regentag im Jahre 1966. Anstatt mit meinen Freunden zum Training beim SC Falke Saerbeck zu gehen, blieb ich lieber zuhause und steckte meine Nase in ein dickes Buch, das ich zur Erstkommunion bekommen hatte: Winnetou 1. Um die fünfzig weitere Karl-May-Bände sollten in den kommenden Jahren folgen, außerdem »Die schönsten Sagen des klassischen Altertums«, »Lederstrumpf«, »Moby Dick« und »Robinson Crusoe« – natürlich in für die Jugend bearbeiteten Ausgaben. Gelegentlich kamen auch Schneider-Bücher ins Haus ...

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New Hope For The Dead (Futura, 1987)
Quelle: Futura (1987)

Charles Willeford taucht recht selten auf, wenn der Kanon der Pulp- Fiction gesungen wird. Das liegt daran, dass Willeford ein Spätblüher war. Obwohl der 1919 in Little Rock, Arkansas geborene Amerikaner schon seit den späten 50ern Literaturkritiken und Noir-Romane schrieb, kam er erst vier Jahre vor seinem Tod, 1988, mit dem ersten Hoke-Moseley-Roman »Miami Blues« in seine literarische Blüte ...

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Die Räuberbande (Aufbau-Verlag, 1964)
Quelle: Aufbau-Verlag (1964)

Mein unterstes Schubladenlektüreerlebnis war irgendeine Nachkriegsliteratur, in der DDR erschienen, ich glaube, Leonhard Frank war das: »Die Räuberbande«. Auf dem Buchumschlag eine Zeichnung von einem Jungen und noch ein wenig was drum herum. Landschaft. Haus, Baum, egal.

Ich mochte die Beschreibung einer Nutte sehr, die ihren Umhang fallen lässt und überall rote Haare hat. Ich hatte dann auch sofort eine rothaarige Freundin, Ingrid mit Namen ...

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Cover Scottys Tanz mit dem Tod (Bastei, 2003)
Quelle: Bastei (2003)

»Ein einziges Mal drückte Scotty ab. Das Echo seiner Kugel pfiff zwischen Saloon und Hotel hin und her. Erst fiel eine Flinte aus dem Planwagen, dann beulte sich die Plane aus …«

Fünf Seiten darauf beult sich Scottys Hose aus. Verantwortlich hierfür ist die dralle Jane. »Der Stoff spannte sich über große Brüste, und das Blut schoss Scotty augenblicklich in die Lenden.«

So schnell geht's. Beizeiten ein eingeschobener Geschlechtsakt – das gehört in Scotty Walkers Alltag wie Bohnen und Speck oder wie die Furcht, bei Sonnenuntergang am Galgen zu baumeln ...

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Cover Dr. Mabuse, Bertelsmann Lesering (1961)
Quelle: Bertelsmann Lesering (1961)

Der Doktor ist enorm.

Der Luxemburger Norbert Jacques schrieb ihn kurz nach Ende des ersten Weltkriegs – Ullstein veröffentlichte seinen Roman Dr. Mabuse, der Spieler 1921. Norbert Jaques, den deutschsprachigen Schriftsteller aus dem benachbarten Großherzogtum, kennt heute kaum einer mehr – seinen Doktor hingegen, selbst rund einhundert Jahre nach dessen Retortengeburt, noch viele (zumindest als Plattitüde) …

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Liebe Freundinnen und Freunde der KRACHKULTUR,

heute geht unser Blog an den Start. Das Thema, dem wir uns hier zuerst widmen wollen, ist das Verhältnis von E- und U-Literatur. Unter der Überschrift »Der Anti-Kanon« berichten aktive und ehemalige KRACHKULTURISTEN sowie KRACHKULTUR-Sympathisanten in loser Folge über ihre liebsten »Literarischen Meisterwerke aus der untersten Schublade«. Der erste Beitrag »Dr. Mabuse, der Spieler« (N. Jaques, 1921) ist auch bereits online.

Der eine oder andere Leser wird sich eventuell beleidigt abwenden beziehungsweise entrüstete Einwände vorbringen; entweder weil er …