»Die Rache des Skorpions« (Jerry Cotton, 1995)

     Der Anti-Kanon – literarische Meisterwerke aus der untersten Schublade

Cover Jerry Cotton, »Die Rache des Skorpions« (1995)
Bastei (1995)

Wir haben hier einen Roman aus dem Innenleben des amerikanischen Bureau Of Federal Investigation, kurz FBI. Schauplatz New York, genauer gesagt dieser gefährliche Asphaltdschungel, der Bronx genannt wird.

Jugendbanden springen von Brücken auf fahrende Güterzüge und rauben sie aus. Eisenbahnbeamte tun Schmierseife auf einen Güterzug und töten dadurch einen der Jungen. Daraufhin sprengt seine Gang eine Eisenbahnerkantine in die Luft.

Die Jugendbande arbeitet im Auftrag eines Mannes, der nie persönlich auftritt. Als zwei FBI-Agenten die Spur aufnehmen, wird jeder, der sie diesem Phantom näherbringen könnte, ermordet. Schnell wird deutlich, dass die Jugendbanden nur als Spielball in einem groß angelegten Versicherungsbetrug fungieren.

Eine Schwäche des Romans ist, dass die FBI-Agenten ein wenig zu perfekt sind. Sie werden mit Blei aus Maschinengewehren und Handgranaten »beharkt«, ohne jemals verletzt zu werden. Sie scheinen niemals schlafen zu müssen. Der Kaffee, den die Sekretärin des Chefs kocht, ist unerreicht. Und die junge Frau, die von der FBI-Schule kommt und ihnen zugeteilt wird, ist sehr schön, sehr forsch und macht dann sehr dumme Fehler.

Weitaus mehr erfahren wir von dem Leben, aus dem die Jugendbanden kommen. Über die Mutter von Ted O’Hara, dem Anführer der Skorpione, heißt es: »Sie hatte nie etwas vom Leben gehabt. Außer sieben Kindern, zwei Fehlgeburten, einen alkoholkranken Mann und die katholische Kirche, der sie manchen Dollar opferte, damit es ihr wenigstens im nächsten Leben besser ging. Von dieser irdischen Existenz, in der Bronx, mit verschimmelten Wohnungswänden, oft kein Strom, selten Heizung, erwartete sie nichts mehr.«

Und über die Berichterstattung in den Medien über die Verbrechen der Jugendbanden heißt es: »Sie taten wahrhaftig so, als hätten die Jugendbanden aus der Bronx den Krieg angefangen und sprangen aus schierem Vergnügen auf fahrende Züge, anstatt mit einer blonden Freundin an ihrer Seite in einem 100.000-Dollar-Auto durch Manhattan zu kurven. In Wirklichkeit war es ein steter, grausamer, stiller und sehr effektiver Abnutzungskrieg der oben gegen die unten ... Viel zu haben bedeutet für die Wenigen nur ein Vergnügen, wenn viele wenig haben.« Das sind doch erstaunliche Sätze für einen Roman, der schon ein ziemlich lautes Loblied auf das FBI ist und die Ordnung, die es zu schützen hat.

Die Spannung hält sich oft in Grenzen, am Stil hätte man durchaus noch arbeiten können – und dennoch, dieser Roman ist besser als viele, die besser gebunden sind, besser aussehen, besser im Regal stehen können und sich für was Besseres halten: als Jerry Cotton. Sein Fall Nr. 2001 hat den Titel Die Rache des Skorpions.

Wer immer das geschrieben hat, braucht sich nicht zu schämen dafür. Und ich finde es ganz in Ordnung, dass es Jerry und seinen Freund und Kollegen Phil Decker so schnell nicht erwischen wird.

Franz Dobler

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