»Scottys Tanz mit dem Tod« (J. Slade, 2003)

     Der Anti-Kanon – literarische Meisterwerke aus der untersten Schublade

Cover Scottys Tanz mit dem Tod, Bastei (2003)
Bastei (2003)

»Ein einziges Mal drückte Scotty ab. Das Echo seiner Kugel pfiff zwischen Saloon und Hotel hin und her. Erst fiel eine Flinte aus dem Planwagen, dann beulte sich die Plane aus …«

Fünf Seiten darauf beult sich Scottys Hose aus. Verantwortlich hierfür ist die dralle Jane. »Der Stoff spannte sich über große Brüste, und das Blut schoss Scotty augenblicklich in die Lenden.«

So schnell geht's. Beizeiten ein eingeschobener Geschlechtsakt – das gehört in Scotty Walkers Alltag wie Bohnen und Speck oder wie die Furcht, bei Sonnenuntergang am Galgen zu baumeln. Doch Scotty ist unschuldig, der hinterhältige Mord, der ihm zu Beginn dieses inspirierenden Westernpornos zur Last gelegt wird, astreine Notwehr. Scotty soll trotzdem baumeln – und flieht!

Unter dem Sammelpseudonym Jack Slade, ursprünglich von dem Amerikaner Willis Todhunter Ballard ersonnen, verfassten später ausschließlich deutsche Autoren nicht nur die berühmten Lassiter-Hefte, sondern eben auch »Die heißesten Western des berühmten Lassiter-Autors«, von denen es unterdessen mehrere hundert gibt. Die gegenständliche Nr. 198 gibt alles her, was guter Schund braucht.

Die hübsche Mary, von ihrem sadistischen Mann Alister LaRoche (»Wenn Du schreist, schlag ich noch kräftiger zu«) misshandelt, sieht nur noch einen Ausweg: Selbsttötung. Doch just, als sie mittels einer monströsen Remmington aus dem Leben scheiden will, begegnet sie dem flüchtigen Scotty Walker. Gemeinsam geht es weiter, einvernehmlich schwer verliebt und immerzu westwärts. Doch Obacht: An der Grenze lauern Sheriff Whitney und seine Town-Marshals, um das Traumpaar hops zu nehmen.

Da tritt Jane, Scottys jüngste Liebschaft, wieder auf den Plan, fest entschlossen, Scotty zu retten, obwohl sie ihn nicht haben kann. So inszeniert sie ein Ablenkungsmanöver im Kreise der Sheriffs. Das Fazit: »So viel Mann hatte Jane noch nie gehabt, weder in sich noch auf sich. Sie quittierte es mit einem Lustgeschrei, das man bei offenem Fenster bis zum Hafen hinunter gehört hätte.«

Soll noch mal einer sagen, deutsche Autoren könnten keine guten Geschichten schreiben. Die unter Decknamen operierenden Lassiter-Romantiker können es. Es wird gerauft, gesoffen und geschossen, aus metallischen wie organischen Kanonen, und dann wieder wird gekuschelt, geträumt und beschützt, mit anrührender Redlichkeit. Weiber ohne Hemmungen, Helden ohne Psychosen, Waffen ohne Waffenschein. Oberflächlich und gut.

Und wenn doch einmal gar nichts geschieht, in einem nachdenklich-sentimentalen Moment am Hafen von Vicksburg, überrascht uns der Gejagte, sein Augenmerk auf Truppenbewegungen der US-Armee gerichtet, mit einer ebenso schlichten wie zeitlosen Analyse: »Scheißkrieg, dachte Scotty. Sie kriegen den Hals nicht voll.« Heißer Scheiß von Jack Slade.

Torsten Wohlleben

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